Kulturphilosophie und Kulturtheorie

Kurzbeschreibung

Wenn Philosophie und Theorie im Namen von Kultur artikuliert werden, zeitigt dies Konsequenzen, die sich im Nachdenken über Dinge und Deutungen, Tatsachen und Wahrheitsansprüche nieder­schlagen. Nicht zuerst, aber prominent weist die Erste Kulturwissenschaft um 1900 u.a. mit Ernst Cassirer, Georg Simmel, Sigmund Freud oder Walter Benjamin bahnbrechende Philosophen und Theoretiker auf, die sich nicht mit überzeitlichen ‚Wesenheiten, sondern kontingenten und voraus­setzungsreichen Gegenständen beschäftigten, die inter- wie transdisziplinäre Zusammenarbeit, historisch-systematische Zugriffe und methodische Selbstreflexivität erfordern.

In dieser Sektion geht es nicht allein um ausgewiesene kulturphilosophische und -theoretische Ansätze oder um Philosophie und Theorie, die sich kulturell reflektieren, vielmehr darum, grund­legende traditionelle philosophische Prämissen als ihrerseits kontingente herauszufordern. Dabei haben sich bereits verschiedene Traditionen herausgebildet, die auch die immer wieder aufge­worfene Frage nach einer Unterscheidung von Philosophie und Theorie betreffen – eine Frage, die in dieser Sektion bewusst nicht entschieden, sondern im Interesse einer anhaltenden Auseinander­setzung offen gehalten werden soll. Im weiteren Sinne stellt sich auch die Frage, inwiefern sich Philosophie bzw. Theorie und Kultur gegenseitig bedingen. Es ist somit nicht das Ziel, Kultur definitorisch, normativ oder essentialistisch festzumachen, sondern ein systematisch-historisches Fragen nach Aspekten von Kultur zu tätigen, die mit Begriffen wie etwa Geschichte oder Gesellschaft nicht entsprechend adressiert werden.

Kontakt:
Prof. Dr. Christine Blättler (Universität Kiel), blaettler(at)philsem.uni-kiel.de


Konzeptpapier

Wenn Philosophie und Theorie im Namen von Kultur artikuliert werden, zeitigt dies Konsequenzen, die sich im Nachdenken über Dinge und Deutungen, Tatsachen und Wahrheitsansprüche nieder­schlagen. Nicht zuerst, aber prominent weist die Erste Kulturwissenschaft um 1900 u.a. mit Ernst Cassirer, Georg Simmel, Sigmund Freud oder Walter Benjamin bahnbrechende Philosophen und Theoretiker auf, die sich nicht mit überzeitlichen ‚Wesenheiten, sondern kontingenten und voraus­setzungsreichen Gegenständen beschäftigten, die inter- wie transdisziplinäre Zusammenarbeit, historisch-systematische Zugriffe und methodische Selbstreflexivität erfordern.

In dieser Sektion geht es nicht allein um ausgewiesene kulturphilosophische und -theoretische Ansätze oder um Philosophie und Theorie, die sich kulturell reflektieren, vielmehr darum, grund­legende traditionelle philosophische Prämissen als ihrerseits kontingente herauszufordern. Dabei haben sich bereits verschiedene Traditionen herausgebildet, die auch die immer wieder aufge­worfene Frage nach einer Unterscheidung von Philosophie und Theorie betreffen – eine Frage, die in dieser Sektion bewusst nicht entschieden, sondern im Interesse einer anhaltenden Auseinander­setzung offen gehalten werden soll. Im weiteren Sinne stellt sich auch die Frage, inwiefern sich Philosophie bzw. Theorie und Kultur gegenseitig bedingen. Es ist somit nicht das Ziel, Kultur definitorisch, normativ oder essentialistisch festzumachen, sondern ein systematisch-historisches Fragen nach Aspekten von Kultur zu tätigen, die mit Begriffen wie etwa Geschichte oder Gesellschaft nicht entsprechend adressiert werden.

Grundlegende Fragestellungen, die auch andere Sektionen betreffen bzw. auf sie ausgreifen, können in dieser Sektion einen gemeinsamen Reflexionsraum finden:

Kultur und Geschichte: Wie artikuliert sich kulturwissenschaftliche Forschung historisch-systematisch, im Verhältnis nicht nur zu Geschichtlichkeit (z.B. einzelner Dinge, Menschen, Konzepte), sondern auch zur Idee von Geschichte als unverfügbarem Prozess (Kittsteiner), die mit der Konzeption handlungsmächtiger Subjekte konfligiert? Hier lassen sich drei Anliegen besonders hervorheben:1. Wiederkehrende Großnarrative wie diejenigen von Fortschritt oder Niedergang können identifiziert und analysiert werden, ohne diese ihrerseits fortzuschreiben. 2. Historiographische Fragen werden mit systematischen Anliegen verbunden: in der Selbstreflexivität der Forschenden, im Verhältnis von Kulturphilosophie und -theorie zu ihren eigenen Geschichten, im Zusammenhang von Epochenkategorien (wie Moderne) und historiographischen Konzeptualisierungen (über Kontinuitäten, Brüche, Ungleichzeitigkeiten). 3. Relektüren von Klassikern sowie Neuentdeckungen situieren die eigene Forschung genealogisch und geben Denkmodelle sowie methodische Instrumentarien an die Hand, die für aktuelle Debatten fruchtbar gemacht werden können (z.B. Cassirers symbolische Formen von Mythos, Technik, Religion etc.).

Kultur und Gesellschaft: Wie lassen sich diese beiden Referenzbereiche aufeinander beziehen und gegeneinander abgrenzen, inwiefern ergänzen sie sich oder kollidieren sie? Wie steht es um ihr kritisches Potential, aber auch um ihre politische Dimension, nicht nur angesichts der Politisierung und Ökonomisierung von Kultur? Wie verschieben sich durch diesen doppelten Blick etwa Fragen von Intersektionalität (insbesondere der Kategorie Geschlecht), Interkulturalität oder Interdisziplinarität? Einen Ort findet hier ebenso eine über kulturanthropologische wie interspezifische, plurikulturelle wie postkoloniale Debatten hinausgehende Auseinandersetzung mit der Normativität des Kulturbegriffs, die auch kosmopolitische und universale Einsätze erneut bedenkt.

Kultur und Krise: Thematisch wird Kultur immer dann, wenn die durch sie getragenen Funktionsabläufe und Wirklichkeitsbezüge gestört sind und als Problem begegnen; „Kultur“ als wissenschaftlicher wie öffentlicher Gegenstand ließe sich daher vor allem als ein Krisenphänomen beschreiben. In Krisen gehen die Relata kultureller Faktizität – die „Objekte“ und die rezipierenden wie produzierenden „Subjekte“ der Kultur – neue Verhältnisse ein. Die von Simmel beschriebene Spannung, die Kulturellem prinzipiell zugrunde liegt, wahrt die Potentialität von Kultur jedoch nicht automatisch (vgl. „Tragödie der Kultur“). Daher gilt es zu untersuchen, was eine Kultur der Krise auszeichnet, in historischen Theoretisierungen und Diskursformen wie im Blick auf gegenwärtige Krisen. So wären beispw. die kunsttheoretisch verhandelte „Krise des Werks“ als kulturelle Tatsache zu untersuchen, oder die wachsende Rolle von Religion, mit der interkulturell agierende Individuen wie säkulare Gesellschaften konfrontiert sind.

Die Sektion möchte in ihrer Arbeit zu den folgenden aktuellen Debatten Stellung nehmen:

Anthropozän. Diese neue geologische Kategorie zielt auf Mensch-Natur-Beziehungen, die aus sozialgeschichtlicher und kulturtechnischer Perspektive schon bedeutend länger differenziert beschreibbar sind. Gleichwohl wird über diese Kategorie nicht nur das Verhältnis von Kultur und Natur, genauso Kultur als sowohl etwas von Menschen geschaffenes wie Menschen formierendes erneut zur Debatte gestellt. Im vorherrschenden Diskursfeld von Anthropozentrismuskritik, philosophischer Anthropologie und Kulturanthropologie stellt sich die Frage nach spezifischen philosophischen und theoretischen Einsätzen kulturwissenschaftlicher Forschung: zwar analysiert sie die zu beobachtende Alternative eines absoluten und affirmativen Posthumanismus auf der einen und die Wiederkehr traditioneller Anthropologien auf der anderen Seite, problematisiert allerdings dieses Entweder-Oder und sucht nach anderen Konzeptualisierungen.

Wissenschaft und Lebenswelt. Phänomenologisch ausgerichtete Philosophie und Kognitionswissenschaften streiten über die Auslegung von Lebenswelt und ursprünglicher Erfahrung. Während erstere sich wissenschaftliche Einmischung verbittet, stützt sich letztere vorwiegend auf naturwissenschaftliche Methoden. Die Phänomenologie übersieht dabei in ihrer Wissenschaftskritik, wie sehr Kultur als Ausgangspunkt des Denkens immer schon durch Technik und Wissenschaft geprägt ist und dass dementsprechend auch wissenschaftliche Perspektiven von philosophischer Relevanz sind. Die Kognitionswissenschaften wiederum verkennen, dass Wissenschaft zuallererst selbst eine kulturelle Tätigkeit ist und als solcher einer kritischen Reflexion bedarf. Den von beiden Seiten ignorierten kulturellen Ursprung menschlichen Denkens, bedarf. Den so von beiden Seiten ignorierten kulturellen Ursprung unseres Denkens zu beleuchten, soll helfen, diesen Konflikt kulturphilosophisch zu überbrücken.

Technikphilosophie. Das Nachdenken über Technik artikuliert sich seit dem 20. Jh. bis ins Zeitalter computerbasierter Großtechnologien philosophisch vornehmlich als Technikfeindlichkeit und Technikethik. Während technikethische Spezialdebatten gerne grundlegenden Problemen und komplexen Zusammenhängen ausweichen, formulieren technikfeindliche Ansätze über Technik ihre Kultur- und Modernekritik und tendieren zu Vorstellungen eines historischen Technosubjekts; beides lässt sich bis heute nicht nur angesichts von Human Enhancement, Künstlicher Intelligenz und Verdatung der Lebenswelt beobachten. Profunde Neulektüren kulturphilosophischer Klassiker (wie Kapp, Cassirer, Blumenberg, Simondon) präsentieren gerade auch gegenüber der ubiquitären Heidegger-Referenz sowie kybernetischen Technikkonzepten weitere Möglichkeiten, über Technik nachzudenken. In diesem Rahmen braucht auch Technikkritik nicht dystopisch oder dekadent zu werden, sondern lässt sich differenzierter formulieren und kann in Konzeptionen eingehen, die heutige Technik problematisieren, aber weder überschätzen noch verharmlosen.

Kulturphilosophische/-theoretische Wissenschaftsforschung. Hier steht zur Debatte, wie sich diese Art von Wissenschaftsforschung von wissenschaftssoziologischen Ansätzen unterscheidet, und wie sich gerade wissenschaftsphilosophische Kernprobleme entsprechend reformulieren lassen. Konkret handelt es sich u.a. um folgende Fragen: Inwiefern können wissenschaftliche Tatsachen als kulturelle Tatsachen gefasst werden? Welcher Begriff von Objektivität lässt sich unter diesen Bedingungen entwickeln? Wie lässt sich entsprechend das Spannungsfeld von Entstehungsprozessen und Geltungsansprüchen neu konzeptualisieren? Wie ist gegenüber der derzeit favorisierten Positivität von Dingen konzeptuelle Negativität erneut denkbar? Wie lässt sich kulturphilosophisch das Verhältnis von Wissenschaft und Lebenswelt reformulieren? Welche Wege gibt es aus der theoriendynamisch immer wieder aufgebotenen Dichotomie von Realismus vs. Konstruktivismus (wie aktuell im Spekulativen Materialismus) heraus? Anliegen dieser Sektion sind es, kulturelle Praktiken und Kulturtechniken historisch zu situieren, auf ihre epistemologische Relevanz zu befragen und für die Theoriebildung fruchtbar zu machen; Theoriedebatten mit ihren Dynamiken, inkl. der ausgerufenen Wenden zu kartographieren und zu analysieren; Begriffs- und Konzepttransfers zu untersuchen (z.B. aus der französischen Philosophie in deutschsprachige Kulturwissenschaft, aber offenbar nicht mehr zurück).

An einer Mitarbeit interessierte Studierende und Forschende sind gebeten, Kontakt aufzunehmen.
Konkrete Arbeitsformate werden insbesondere an den Jahrestagungen (weiter) entwickelt.
Zur gegenseitigen Information kulturphilosophischer Projekte und Veranstaltungen empfiehlt sich auch das Netzwerk Kulturphilosophie: http://www.nkph.uni-kiel.de/.

Sprecherin: Prof. Dr. Christine Blättler, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
blaettler(at)philsem.uni-kiel.de

Sprecher: Dr. Ole Kliemann, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
kliemann(at)philsem.uni-kiel.de